....1919

Holzeinschlag1928

 

Holzeinschlag vor dem Gasthaus Melching auf der Abbecke: Links ist der Hausbesitzer Kreikenbaum und neben ihm der Holzarbeiter Albert Koch zu sehen. Die anderen beiden sind unbekannt.  (Zum vergrößern die Bilder anklicken)

Abbecker Eichen mssen dem Umbau weichen klein

 

Ein Foto habe ich noch zu dem Thema gefunden: Waldgaststätte vor den
Umbauarbeiten (Doppelhaus Melching/Melching)

 

 

   ......1932

Kartoffelfest 1932Khlerhtte

 

Die Köhlerhütte im Sollingwald: Vorn sitzend August Wulfestieg, Kosumverwalter; Heinrich Schwerdtfeger, Bäckermeister.

 

        ....1952

  MGV 75 Jahre

 

Der MGV "Harmonie" hat sich anläßlich seines 75jährigen Bestehens vor Krügers Saal zum Vereinsfoto versammelt !

(Zum vergrößern die Bilder anklicken)

 

      ......1973

Blick auf den Sollinmg mit CVJM Heim ber Dassel hinweg im Jahr 1973

 

  Blick auf den Solling zum CVJM Erholungsheim über Dassel hinweg !

 

  

    ......1981

Pension Haus Bremer im Jahr 1981

 

 

  Pension Haus Bremer auf der Abbecke !

 

 

   ..........1989

1989-60 Jahre SV kleinDie Namen der Geehrten klein

 

  60 Jahre Sollingverein !

  Linkes Bild die Geehrten und     daneben die Namen.

 

 

       .....1996

Auf dem Weg nach Silberborn- Die plattdiutschen Frnne am 7.7.1996 

 Die Plattduitschen Frünne auf dem Weg zum Heimatfest

 nach Silberborn am 07.07.1996

 

  

       .....1999

Steineinweihung 

An der Kaiserstraße im Revier Sievershausen wird das Denkmal für Kulturfrauen und Waldarbeiter offiziell vom Forstamt Dassel eingeweiht.

 

 

 

Das war ....

im April 1999.

 Auf dem Waldpfad April 1999

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Waldpfad Sievershausen wird eine Denklinde gepflanzt. (v.l): Helmut

Rojahn, Peter Martensen, Hendryk Zawada, Karl-August Bartels, Andreas

Mikutta, Helga Ebeling, August (7) Wedekind, Manfred Tönniges, Frau

Lehmann, Hans Hoffinger, Thomas Engell, Hartmut Warnecke, Dietmar

(Nuschi) Collin.

Sollingverein Sievershausen e.V.

 

 

      .......2005

Wandergruppe 2005

 

Die Wandergruppe des Vereins trifft sich am Denkstein für den am 27.Mai 2001 verstorbenen Vereinsvorsitzenden Heiner Wildeboer. Der damalige Ortsheimatpflege Willi Heise hat die Inschrift formuliert:
"Wu helle deu Dagg, ass wö ösch efunnen:
wu duister deu Nacht, ass döne Stimme verklungen."

 

    .....2007

Kyrill1Kyrill2

 

Der Sturm Kyrill knickte landesweit und im Solling viele Bäume wie Streichhölzer um. Allein um Sievershausen waren dies 20.000 Kubikmeter Fichtenholz.

 

         .....2008

Sandbornhtte klein

Mit eine großen Arbeitseinsatz wird die Sandbornhütte
einschließlich Zuwegung und Aussichtsplattform wieder instand gesetzt.
Seit dem Jahr 1976 besteht ein Vertrag zwischen dem Sollingverein und
der Familie Kanthagen zur  Nutzung dieser Wanderschutzhütte.

 

 

        ....2012

Gatter   Letzter Fichtenstamm

Auf dem linken Bild sieht man das Gatter, Baujahr 1924, seit 2007 außer Betrieb und mittlerweile verschrottet. Der Fichtenstamm ist der letzte seiner Art der im Sägewerk Heise, Nachfolger Melching,  gesägt wurde.     

 

 

 

          ......2013

Bild 1 kleinBild 2 klein

Der Sollingverein feiert am 12. August ein öffentliches und viel
beachtetes Richtfest für seine 300 m² große Lagerscheune am Dreschplatz an der Unteren Trift.
Gleichzeitig begehen die plattdeutschen Frünne ihr 25 jähriges Bestehen.
Karl Heinz Köke bereitet eine bebilderte Ausstellung dazu vor.

 

 

 

 

 

 

 

  

                   mit dem großen Wilderer-Prozess des Jahres 1927

Zu meiner Verstärkung ist Detlev Creydt aus Holzminden mitgekommen, renommierter Regionalhistoriker, als gebürtiger Dasseler besser als ich mit der Sollinger Waldgeschichte vertraut. Er wird gegebenenfalls meine lückenhaften Ausführungen ergänzen .

Den Wilderer - Prozess 1927 kann man nicht isoliert betrachten, sondern man muss ihn auf der Folie der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung unserer Region darstellen. Ich werde also zunächst

die Hintergründe und den gesellschaftlichen Rahmen dieses Gerichtsverfahrens skizzieren, um dann in einem zweiten Schritt auf die Dorfbesetzung Anfang Mai 1927 einzugehen, die den Prozess letzten Endes erst möglich machte. Erst wenn wir die Voraussetzungen dieser spektakulären Justiz- und Polizeiaktion dargestellt haben, macht es Sinn den Prozess selber zu analysieren.

Ich stütze mich bei diesem kleinen Vortrag vor allem auf eine Auswertung aller verfügbaren regionalen Tageszeitungen, die regelmäßig über den Prozess berichtet haben. Das waren folgende Blätter (von rechts nach links):

           Göttinger Tageblatt, Niedersächsische Morgenpost, Göttinger

           Zeitung, Göttinger Volksblatt sowie die Sollinger Nachrichten aus Uslar.

           Soweit ich das überblicke, hat die Einbecker Morgenpost die Berichte 

           des Göttinger Schwesternblattes übernommen.

Diese Zeitungen haben auf ganz unterschiedliche Weise über den Prozess und die tatsächlichen bzw. vermeintlichen Wilderer berichtet: Das Tageblatt, damals die größte Regionalzeitung, schrieb eher reißerisch, und übernahm meist die Argumentation der Behörden. Göttinger Zeitung und Morgenpost informierten zurückhaltender. Aber die meisten Blätter verurteilten die Sievershäuser schon vor dem Ende des Prozesses. Allein das Volksblatt bekundete eine gewisse Sympathie mit den Sievershäusern.

Außerdem konnte ich auf einige Kopien von Prozess-Unterlagen zurückgreifen.

Für die Darstellung der Ortsgeschichte stütze ich mich vor allem auf die Studie von Thorsten Quest, der 1979 über die Geschichte der Dörfer Hilwartshausen Sievershausen geforscht hat.

Nicht zuletzt habe ich für den Vortrag zwei Artikel herangezogen und teilweise übernommen, die ich vor einigen Jahren für Buchveröffentlichungen geschrieben habe. (veröffentlicht in den Broschüren „Rebellen des Waldes“ und „Waldleben“)

Die „goldenen“ zwanziger Jahre

Die 1920er Jahre, die man später manchmal als „goldene Jahre“ verklärt hat, waren für die armen Leute aus dem Solling keine Zeit des Honigschleckens.

Obwohl die deutschen Arbeiter und Soldaten 1918 ihren Kaiser nach Holland schickten und eine demokratische Republik erkämpften, war dieser neue „Volksstaat“ nicht frei von zahlreichen Erbkrankheiten. Dazu gehörte unter anderem, dass die Weimarer Demokratie Verwaltung und Justiz des Kaiserreiches übernahm. Die Klassenjustiz, mit der die Sievershäuser 1927 vor dem Göttinger Schöffengericht konfrontiert wurden, hatte überhaupt kein Verständnis für die Sorgen und Nöte der kleinen Leute und urteilte die Leute aus dem Solling als notorische Verbrecher undAufrührer ab.

Auch die Wirtschaft und die Währung des Landes waren durch die hohen Kriegsausgaben nachhaltig geschwächt worden. Nach Kriegsende erkämpften die Arbeiter zwar vielerorts höhere Löhne, -auch die Sollinger Waldarbeiter traten 1919 in den Streik-, die beachtlichen Einkommenszuwächse wurden jedoch durch eine zunächst schleichende und schließlich galoppierende Inflation wieder aufgesogen.

Die größte Errungenschaft der Revolution von 1918 war zweifellos der Acht-Stunden-Tag, der jedoch spätesten ab 1924 in den meisten Betrieben wieder aufgehoben wurde.

Alles in allem gesehen herrschte in den ersten Jahren der Weimarer Republik eine große Unsicherheit in allen Schichten der Bevölkerung An dem eher bescheidene Lebensniveau der Arbeiterschaft in unserer Gegend hatte sich nichts geändert. Die hohen Nahrungsmittelabgaben im Ersten Weltkrieg hatten auch das flache Land spürbar getroffen. Nach dem Krieg raffte die spanische Grippe viele Menschen dahin. Um 1920/21 wurden auch unsere Dörfer von bisher nie gekannten Felddiebstählen heimgesucht. Um diese einzudämmen, bildeten sich in vielen Sollingorten Einwohnerwehren. Bodenfelder und Lippoldsberger Männer, unter ihnen auch angesehene Handwerker und Kaufleute, plünderten die Eisenbahnzüge und nicht selten wurde Vieh gestohlen. Die soziale Krise erreichte im Sommer und Herbst 1923 ihren Höhepunkt. Damals gingen auch in Dassel, Einbeck, Uslar und Holzminden Tausende auf die Straße. In den Städten kam es zu Plünderungen und im Solling wurden Kühe auf der Weide abgeschlachtet.

Auch in Dassel gab es Massendemonstrationen. Die Beschäftigten aller Betriebe legten die Arbeit nieder und forderten vom Magistrat die Beschaffung von billigen Lebensmitteln. In Einbeck wurden Arbeiter von der Schutzpolizei verhaftet und teilweise auch misshandelt.

Wilddieberei an der Tagesordnung

Die Wilderei erlebte in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg eine Art Blütezeit.

In ganz Deutschland wurde aus allen Rohren geschossen, weil in den Wirren des Kriegsendes 1918 viele Soldaten ihre Gewehre mit nach Hause nehmen konnten. Auch im Prozess von 1927 ist immer wieder von Karabinern die Rede, mit denen die Sievershäuser gejagt haben sollen.

Außerdem, und das ist der Hauptgrund, war die Ernährungssituation der Unterschichten so schlecht, dass moralische Skrupel bei der widerrechtlichen Fleischbeschaffung immer geringer wurden.

So melden die Sollinger Nachrichten am 1. Dezember 1921 aus Burgdorf bei Hannover:

Wilddiebereien sind jetzt fast überall im Lande an der Tagesordnung, und Jagdpächter sowie Jagdaufseher haben dabei oft einen schweren Stand.“

Die moralischen Standards haben sich in diesen 1920er Jahren ohnehin rasant verschoben. Wildern ist vor allem bei jungen Leuten kaum anrüchig. Der wichtigste Wilderer in meinem Heimatdorf Lippoldsberg erfreut sich allergrößter Beliebtheit in der Bevölkerung, weil er den weniger Begüterten hin und wieder einen günstigen Braten zukommen lässt.

Von den Behörden wird die „Freijagd“ scharf verfolgt. Vielleicht sogar schärfer als zu Kaisers Zeiten. In den Jahren 1919/20 finden manchmal regelrechte Gefechte zwischen mehreren Förstern und Wilderern statt. Beide Seiten nehmen wenig Rücksichten. Blutopfer gibt es allerdings vor allem auf Seiten der Wilderer.

Angeblich in Notwehr werden mindestens drei von ihnen erschossen.

So wird am 28. Mai 1919 bei einem Gefecht zwischen Wilderern und Förstern bei Uslar ein Wilddieb erschossen. Anfang Juni 1919 stirbt der 48jährige Arbeiter Heinrich Koch aus Dassel im Walde, ebenfalls von einem Förster niedergestreckt. Die Sollinger Nachrichten melden am 3. Juni 1919:

K., der nach Anruf der Aufforderung des betreffenden Jägers nicht nachkam, sondern sein mit Dummdumm-Geschossen geladenes Gewehr auf letzteren abschoss, wurde in der Notwehr durch Schrotkörner so schwer verletzt, dass er mittags verstarb.“

Soweit die offizielle Lesart dieses Konflikts.

Nur ein paar Tage später verwundet ein Jagdpächter aus Lichtenborn einen vermeintlichen Wilderer aus Schlarpe mit einer Ladung Schrot.

Am 14. September 1919 kommt es bei Neuhaus zu einem Zusammenstoß zwischen drei Wilderern und Hegemeister Kurth. Der Förster verletzt den 20jährigen Haussohn Johanning aus Abbecke schwer. Am Tag darauf erliegt er seiner Verwundung. Seine Kumpane, zwei Männer namens Ohm und Sandner aus SIEV können zunächst flüchten. Sie werden später zu dreimonatigen Gefängnisstrafen verurteilt.

Am 25. März 1920 müssen zwei Wilderer aus Schlarpe drei Monate bzw. drei Wochen ins Gefängnis.

Am 28. März 1920 erwischen Förster einen Waldarbeiter aus Abbecke, als er ein Stück Wild beiseite schaffen will.

Die hier zitierten Fälle mögen nur die Spitze des Eisbergs sein. Denn für Polizei und Forstverwaltung war es außerordentlich schwierig, den zahlreichen Wilderern des Sollings auf die Spur zu kommen. Die heimlichen Jäger rekrutierten sich nicht nur aus der so genannten Unterschicht, sondern arbeiteten auch als Handwerker, Kaufleute oder Landwirte. Natürlich waren hier in Sievershausen, aber auch in anderen abgelegenen Walddörfern wie Schönhagen die schlecht verdienenden und schwer arbeitenden Waldarbeiter oftmals Nebenerwerbs-Jäger. Das Volksblatt beschreibt ihre prekäre Arbeits- und Lebenssituation folgendermaßen:

Auch die trostlose soziale Lage treibt Forstarbeiter oftmals zur Wilderei. Man muss sich einmal die ärmlichen Wohnungen dieser Arbeiter ansehen, den kärglichen Lohn in Betracht ziehen und bedenken, dass der größte Teil des erbeuteten Wildes in den Haushaltungen verzehrt wird.

Für die meisten Waldarbeiter war das gelegentliche Wildern – wie bei ihren Vätern und Großvätern im 19. Jahrhundert- ein Resultat ihres sozialen Elends: Sie schossen das Fleisch, das sie sich beim Schlachter nicht leisten konnten.

Aber auch Handwerk und Handel waren in diesen 1920er Jahren nicht auf Rosen gebettet. Auch ganz normale Schlachtereien und Gasthöfe hatten oftmals Kontakte zu einzelnen Wilderern und beschafften sich illegal Fleisch, wie mit der Nachfahre einer alteingesessenen Uslarer Schlachterei erzählte.

Der Ausbau des Verkehrswesens und die guten Kontakte der Sollinger in die nächstgelegenen und auch weiter entfernten Städte wie Hannover ermöglichten sicherlich – auch das soll hier nicht geleugnet werden- auch einen Verkauf von Wildfleisch. Aber das war nicht die Regel.

Wildern ist nicht zuletzt auch in den 1920er Jahren bäuerlicher Selbstschutz.

Schutz gegen die großen Rot- und Schwarzwildbestände des Sollings, die auf den Feldern große Schäden anrichten. In Sievershausen wirft man den Behörden vor, dass sie in den meisten Fällen einen Schadensersatz ablehnen.

Trotz gelegentlicher „Erfolge“ sind Förster und Polizisten lange Zeit nicht in der Lage der Wilderer wirklich Herr zu werden.

Als sich in den Jahren 1924-26 die Wirtschaft von der Inflationskrise erholt, geht auch im Solling die Wilderei zurück. Trotzdem schlägt die Staatsgewalt im Frühjahr 1927 mit großem Aufwand in Sievershäuser gegen tatsächliche und vermeintliche Wilderer zu. Das Dorf galt eben seit alters her als Hochburg der Wilderer.

Deshalb wollte der Staat hier ein Exempel statuieren. Um die Dorfgemeinschaft aufzubrechen, hatte man einen arbeitslosen Spitzel gedungen, dem ein Dauerarbeitsplatz versprochen worden war. Außerdem wurden Hilfsförster Krause aus Abbecke, Dienstort Försterei Lakenhaus, sowie Hilfsförster Ludewig aus Sievershausen gezielt auf Wilderer angesetzt. Die beiden taten sich auch in den Wirtshäusern um und machten lange Ohren, wann immer Männer zusammen saßen. Im Prozess sollten sie als Belastungszeugen aussagen. Nach der Ortsbesetzung werden sie sofort versetzt.

Die Dorfbesetzung im Mai 1927

Die Besetzung ihres Ortes am 1. Mai 1927 kommt für die Sievershäuser Bevölkerung völlig überraschend. Sie erinnert in vielfacher Hinsicht an ähnliche Maßnahmen gegen die Einwohner dieses Dorfes aus dem 19. Jahrhundert, als die Goslarer Jäger des öfteren in Sievershausen für „Ruhe und Ordnung“ sorgen sollten.

Am 1. Mai besetzen Polizeibeamte aus Hannover, Landjäger aus der Region sowie Forstangestellte den Ort. Initiator dieser spektakulären Aktion ist der Einbecker Landrat. Zum Leiter der Maßnahme wurde der Hannoveraner Kriminalbeamte Rätz bestellt. Ihm ging ein großer Ruf voraus. Schließlich hatte er bereits in anderen Gegenden Wilderern erfolgreich das Handwerk gelegt und war an der Verhaftung des Massenmörders Hamann beteiligt gewesen.

Die Beamten nehmen Hausdurchsuchungen bei vermeintlichen Wilderern vor und inhaftieren 30 Männer. Dabei wird vor allem massiv Druck ausgeübt auf die Ehefrauen der vermeintlichen Wilderer. Die Männer werden damit erpresst, dass ihre Frauen verhaftet worden seien. Auf Kranke nimmt niemand Rücksicht. So beschwerte sich die Hebamme Frau Ebbighausen später über das völlig unverhältnismäßige Vorgehen der Beamten bei Hausdurchsuchungen im Hause Windolf, wo die Ehefrau gerade in einer sehr schweren Geburt ein –totes- Kind zur Welt gebracht hatte. Hier nehmen die Beamten an zwei Tagen Hausdurchsuchungen vor. Am 3. Mai um sechs Uhr morgens. „Ich wurde zugezogen“, schreibt Frau Ebbighausen, „und fand die Frau in einer ganz traurigen Lage. So dass ich sie fast tot anfand und Herr Doktor Rittmeier musste zugezogen werden. Es war in dem betreffenden Hause eine große Wühlerei entstanden (...)“

Die dreitägigen Untersuchungen in Sievershausen bringen die gesamte Bevölkerung des Ortes gegen die Beamten auf. In einem Leserbrief an die „Gifhorner Tageszeitung“ schildert ein Sievershäuser den Zorn der Dorfbewohner:

 „Die durch die Kriminalpolizei in Hannover in Verbindung mit der Försterei und der Landjägerei vorgenommenen Feststellungen, bei denen in unzulässiger Weise körperlicher Zwang, Maßnahmen und Drohungen gegen unschuldige Personen – ältere Männer und Frauen- vorgekommen, sind haben in der Einwohnerschaft größte Empörung hervorgerufen. Denn wenn unschuldige Personen mit Gewalt in den Wagen geschleppt und einen ganzen Tag gefangen gehalten werden, um von ihnen Geständnisse und Aussagen zu erpressen, so ist das mindestens ungehörig.“

Der erste Prozess vom 28. Oktober bis 3. November 1927

Am 28. Oktober 1927 beginnt vor dem Erweiterten Schöffengericht zu Göttingen der „große Sollinger Wildererprozess“. In „der Strafsache gegen Wolter und 39 Genossen wegen Jagdvergehens und Hehlerei“ sitzen vor allem Männer aus Sievershausen und Abbecke auf der Anklagebank. Das öffentliche Interesse am Prozess ist groß. In den meisten Zeitungen werden die Angeklagten schon vor Prozessbeginn verurteilt.

Der Eröffnungsbeschluss beschuldigt 29 Angeklagte widerrechtlich , teilweise gewerbsmäßig, die Jagd ausgeübt zu haben. Elf Männer werden der gewerbsmäßigen Hehlerei beschuldigt.

Bereits am ersten Verhandlungstage kommt es des öfteren zu großer Unruhe. Die meisten Angeklagten widerrufen ihre Geständnisse. Sie werfen Kommissar Rätz vor, massiven Druck bei den Vernehmungen ausgeübt zu haben. Das Gericht unter dem Vorsitz von Landgerichtsrat Voigt ist kaum in der Lage, die Beweisaufnahme, in der die 40 Angeklagten und 29 Zeugen vernommen werden, zu bewältigen.

Bei den fortgesetzt widersprechenden Angaben der Angeklagten, bei ihren Geständnissen und Widerrufen, gestaltete sich die Vernehmung überaus schleppend und schwierig“, berichtet die Göttinger Zeitung am 1.November 1927. (...) Im übrigen sind nicht weniger als 320 verschiedene Fälle aufzuklären, bei denen die Angeklagten teils einzeln, teils in Gemeinschaft mit den anderen beteiligt sein sollen.“

Die Angeklagten versuchen, die ihnen zur Last gelegten Vergehen möglichst weit in die Vergangenheit zurück zu verlegen, damit sie als verjährt angesehen werden können. Bei der Vielzahl von Anklagepunkten droht der Prozess mehrfach im Chaos unterzugehen. Alle Beteiligten verloren den Überblick“, resümiert der Berichterstatter des Volksblatts nach den ersten Prozesstagen.

Kommissar Rätz weist alle Vorwürfe der Angeklagten mit Entschiedenheit zurück. Mit allem ihm zu Gebote stehenden Mitteln sei er in Sievershausen vorgegangen. Zunächst habe er alle als Wilderer bekannten Personen im Forsthaus verhört und parallel dazu Hausdurchsuchungen durchgeführt.

Ein Angeklagter widerspricht dem Kriminalbeamten und beschuldigt Rätz einem Waldarbeiter gesagt zu haben, seine Frau sei verhaftet worden. Wenn er gestehe, werde sie wieder freigelassen.

Während das Göttinger Tageblatt den berühmten Kommissar gegen die Angeklagten in Schutz nimmt, hat die Morgenpost den Eindruck, „dass die Polizei offenbar zu schroff vorgegangen zu sein scheint“ (NM, 30.10.).

In der Beweisaufnahme wird auch deutlich, dass die Polizei einen Lockspitzel in Sievershausen eingesetzt hat. Es gelang ihr jedoch nie, auch nur einen Wilderer auf frischer Tat zu fassen. Immerhin konnte der Spitzel in einem Fall einen Mann dazu bewegen, ein Gewehr anzunehmen, dass ursprünglich von der Forstverwaltung stammte.

In einem Fall ist einem vermeintlichen Wilddieb von einem Hilfsförster ein Gewehr hinterlegt worden und dem Angeklagten bestellt worden, wenn er einmal wildern wolle, könne er sich das Gewehr abholen. Der hinterlegende Arbeiter sollte eine stelle als Waldarbeiter bekommen, da er arbeitslos war. Diese Maßnahme wurde getroffen, um einen bestimmten Wilderer abzufangen. Das ist dann auch geschehen.“

Soweit der Reporter des Volksblatts.

Staatsanwalt Dr. Fitz folgt in seinem mehrstündigen Plädoyer am 2. November 1927 allein den Aussagen der Polizisten. Kritik an deren Vorgehensweise in Sievershausen weist er zurück.

Fitz sieht die Angeklagten als eine Gefahr für die Forstbeamten. Da er keine Zweifel an der Rechtmäßigkeit und Richtigkeit der Geständnisse in den Voruntersuchungen hat, beantragt er für die meisten Angeklagten wegen gewerbsmäßigen Wilderns Gefängnisstrafen zwischen zwei Wochen und zwei Jahren, Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von drei Jahren und Stellung unter Polizeiaufsicht. Ein Schlachtermeister aus Dassel soll wegen gewerbsmäßiger Hehlerei für ein Jahr ins Zuchthaus. Für sechs Angeklagte fordert der Staatsanwalt Gefängnisstrafen zwischen einem und sechs Monaten wegen Hehlerei.

Vier der Hehlerei bezichtigte Angeklagte sollen wegen mangels an Beweisen freigesprochen werden.

Während der Mittagspause inszeniert die Staatsanwaltschaft eine Art Forstmuseum im Gerichtssaal. Zahlreiche Gewehre, Geweihe und Felle sollen die Schöffen beeindrucken.

Die Verteidiger der Angeklagten, die Rechtsanwälte Muhs, Proskauer, Eckels und von Morsey, stellen die Glaubwürdigkeit der Angeklagten-Geständnisse in Frage. Es fällt ihnen nicht schwer, zahlreiche Widersprüche zwischen den Aussagen der verschiedenen Belastungszeugen herauszuarbeiten.

„Es ist sonderbar“, wundert sich das Volksblatt, „dass die Forstbeamten –und es sind viele bei der Oberförsterei Dassel beschäftigt--, von der Wilddieberei wussten, dass es aber niemals in den vergangenen Jahren geglückt ist, einen der Wilddiebe auf frischer Tat zu ertappen.

Rechtsanwalt Dr. Eckels glaubt, dass „das große Polizeiaufgebot und das ganze Auftreten der Beamten die Angeklagten eingeschüchtert“ habe.

Rechtsanwalt Proskauer warnt das Gericht vor einer Kollektivverurteilung „der Sievershäuser“. Eckels und Proskauer beantragen für ihre Mandanten „Freispruch wegen mangels an Beweisen“.

Die Rechtsanwälte von Morsey und Muhs kommen zu dem Ergebnis, dass die Staatswaltschaft in vielen Fällen fehlgegriffen habe und weisen deren Strafanträge als unangemessen hoch zurück.

Nach einem fünftägigen, teilweise turbulenten Prozess verkündet Landgerichtsrat Voigt am Abend des 3. November 1927 die mit großer Spannung erwarteten Urteile. Bereits am Nachmittag dieses Tages hatte sich eine große Menschenmenge vor dem Gerichtsgebäude eingefunden, der jedoch keine Einlass gewährt wurde. Die Angeklagten werden ale sorgfältig nach Waffen abgesucht, da das Gerücht aufgekommen war, einer trüge einen Revolver bei sich.

Obwohl die Urteile teilweise weit über die Anträge der Staatsanwaltschaft hinausgehen, bleiben die Angeklagten bei der Urteilsverkündung ruhig und gelassen. Die Strafen fallen deshalb vergleichsweise hoch aus, weil das Gericht in zahlreichen ?Fällen –oft auf einer sehr wackligen Beweisführung- gewerbsmäßiges Wildern unterstellt.

Bei vier Angeklagten wird das Verfahren eingestellt, da das Gericht nichtmehr feststellen konnte, wann die ihnen zur Last gelegten Vergehen begangen worden sind.

Sechs Angeklagte werden freigesprochen, weil sich kein schuldhaftes Verhalten nachweisen ließ.

Fünf Angeklagte werden zu Geldstrafen zwischen 30 und 100 Mark verurteilt.

Am schwersten bestraft wird ein Schlachter aus Dassel, der wegen gewerbsmäßiger Hehlerei für ein Jahr ins Zuchthaus soll.

Zwei Kaufleute und ein Händler aus Dassel müssen wegen Hehlerei für mehrere Monate ins Gefängnis.

Ein Landwirt aus Sievershausen, dem das Gericht gewerbsmäßige Wilderei in 13 Fällen glaubt nachweisen zu können, muss für diese Vergehen mit drei Jahren Gefängnis büßen.

Ein Tierpräparator aus Abbecke soll für 14 Vergehen ebenfalls drei Jahre ins Gefängnis.

„Gewerbsmäßigen Wilderns“ unterstellt das Gericht außerdem 14 weiteren Angeklagten. Sie sollen dafür für mehrere Monate ins Gefängnis.

Für „einfaches Wildern“ bzw. „Begünstigung“ der Angeklagten verhängt das Gericht in fünf Fällen milde Gefängnisstrafen von einigen Wochen bzw. Geldstrafen.

„Schweren Diebstahl“ ahndet das Schöffengericht in einem Fall mit sechs Monaten, in einem anderen mit drei Monaten Gefängnis.

Die Angeklagten sind von den hohen Urteilen geschockt. Noch im Gerichtssaal protestieren einige von ihnen gegen ihre Bestrafung. Entscheidend für die hohen Strafen ist einmal, dass das Gericht einzig und allein den Aussagen des Kriminalkommissars Rätz Glauben schenkte. Zum anderen konstruierten die Juristen aus Fällen, die mehrere Jahre auseinander lagen „ein fortgesetztes Delikt“. Mit dieser fragwürdigen Vorgehensweise konnte man gleich   zahlreichen Angeklagten „gewerbsmäßiges Wildern“ unterstellen. 

Der Revisionsprozess 7. bis 9. Juni 1928

15 Angeklagte aus dem Sollinger Wilderer-Prozess legen Berufung gegen ihre harten Strafen ein. Obwohl das Gericht teilweise über die Anträge der Staatsanwaltschaft hinaus gegangen war, hatte auch diese Berufung eingelegt.

Am 7. Juni1928 tritt die Große Göttinger Strafkammer zur Revisions-Verhandlung im großen Schwurgerichtssaal des Göttinger Gerichtsgebäudes zusammen. Die Publizität dieses Prozesses ist weitaus geringer als im Herbst 1927. Die Fülle des Verhandlungsmaterials bereitet allen Beteiligten jedoch auch diesmal wieder große Schwierigkeiten.

Den Vorsitz der Kammer führt Landgerichtsdirektor Polchau, Dr. Fritz vertritt wieder die Anklage.

Auch im Revisionsprozess bringt die Verteidigung wieder die Vorgehensweise der Hannoveraner Kripo in Sievershausen zur Sprache. Der Gemeindevorsteher des Dorfes sagt aus, im Mai 1927 sei „das ganze Dorf empört gewesen, denn um einen Mord würde sicher nicht soviel gelaufen wie um die paar geschossene Rehe.“

Kommissar Rätz bestreitet wieder alle Vorwürfe, muss aber einräumen, in einem Fall einen Beschuldigten belogen zu haben.

Am zweiten Verhandlungstag bekundet ein früherer Forstbeamter, dass den Waldarbeitern manchmal ein Deputat in der Weise gewährt worden sei, dass man ihnen ganze Stücke Wild überlassen habe, über die sie nach Belieben befinden konnten.

In seinem Plädoyer beantragt Staatswalt Dr. Fitz in einigen Fällen höhere Strafen, in anderen zieht er die von ihm eingelegte Revision zurück.

Die Verteidiger versuchen wieder die Glaubwürdigkeit der Geständnisse ihrer Mandanten bei den -in ihren Augen unrechtmäßigen- Befragungen in Sievershausen zu erschüttern und monieren wieder das brutale Vorgehen der Polizei. Sie plädieren wie im ersten Prozess für mildere Strafen bzw. Freispruch.

Das Gericht konstatiert eine richtige Beurteilung der Sachlage in der ersten Instanz. Die teilweise beträchtlichen Urteilsänderungen führt die Große Strafkammer „auf geringe Abweichungen in der neuen Beweisaufnahme“ zurück. Das klingt nicht sehr glaubwürdig.

Im Einzelnen sehen die endgültigen Urteile der zweiten Instanz folgendermaßen aus:

Der Terrazzoleger Karl Wolter aus Hannover muss wegen einfachen Wilderns für 3 Monate ins Gefängnis.

Der Waldarbeiter Heinrich Thiemann aus Sievershausen bekommt wegen gewerbsmäßigen Wilderns in 11 Fällen eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten aufgebrummt.

Der Händler Wilhelm Thiemann (Sievershausen) erhältt wg. gewerbsmäßigen Wilderns in 8 Fällen 10 Monate Gefängnis

Der Maurer August Schwertfeger (Sievershausen) wird wg gewerbsmäßigen Wilderns in 7 Fällen und einem Fall der Hehlerei mit 10 Monaten Gefängnis bestraft.

Dem Invaliden Karl Leibeling.aus Northeim konnten in einem Fall Wildern und in einem Fall Hehlerei nachgewiesen werden. Dafür erhält er 2 Monate Gefängnis.

Der Waldarbeiter Karl Schwertfeger (Sievershausen) soll wg. Gewerbsmäßigen Wilderns in 3 Fällen und 1 Fall Begünstigung für 4 Monate ins Gefängnis.

Der Präparator Otto Bremer (Abbecke) wird wg. Gewerbsmäßigen Wilderns in 13 Fällen zu einem Jahr und 6 Monaten Gefängnis verurteilt.

Die gleiche Strafe erhält der Musiker Heinrich Assmann (Sievershausen) für gewerbsmäßiges Wildern in 13 Fällen.

Waldarbeiter Gustav Ebbighausen (Sievershausen) soll für gewerbsmäßiges Wildern in 10 Fällen für 10 Monate ins Gefängnis.

Landwirt Karl Melching (Abbecke) bekommt für 14 nachgewiesene Fälle 1 Jahr und 3 Monate Gefängnis.

Die Berufung des Schlachters Friedrich Schmidt aus Dassel, der in erster Instanz zu 1 Jahr Zuchthaus wg. gewerbsmäßiger Hehlerei verurteilt wurde, und des Angeklagten August Melching aus Abbecke, der in erster Instanz wg gewerbsmäßigen Wilderns zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt worden war, werden verworfen.

Den Terrazzoleger Heinrich Bruhns aus Hannover wird freigesprochen. Die Verfahren gegen Franz Schwertfeger und Gottlieb Oppermann werden wegen Verjährung eingestellt.

Waldarbeiter Karl Schulte kommt wegen einfachen Wilderns mit 4 Monaten Gefängnis auf Bewährung davon, Heinrich Wolters, muss immerhin 1von 4 Monaten Gefängnis absitzen, dann greift die Bewährung.

Fazit

Fassen wir zusammen:

1) In der wirtschaftlichen und sozialen Umbruchzeit nach dem Ersten Weltkrieg ist Wildern in ganz Deutschland an der Tagesordnung. Auch in den Walddörfern des Sollings gehen etliche Männer aus sozialer Not heimlich auf die Pirsch.

2) Bei der Besetzung Sievershausens Anfang Mai 1927 wandelt die Staatmacht am Rande der Rechtsstaatlichkeit. Geständnisse werden teilweise erpresst. Die Inhaftierung von 30 vermeintlichen Wilderern ist völlig unverhältnismäßig und entbehrt einer rechtlichen Grundlage.

3) Der erste große Sollinger Wilderer-Prozess hat vor allem politische Hintergründe. Die Angeklagten sind schon vorverurteilt, bevor sie den Gerichtssaal betreten haben.

Alle Entlastungszeugen der Verteidigung ignoriert das Gericht. Die Urteile sind vergleichsweise sehr hoch. Sie basieren vor allem auf fragwürdigen juristischen Konstruktionen. „Gewerbliches Wildern“ ist kaum einem Angeklagten nachzuweisen.

4) Der Revisionsprozess im Sommer 1928 schwächt die äußerst fragwürdigen Urteile des Vorjahres lediglich ab, hebt sie aber nicht auf.

5) Für das Dorf Sievershausen bedeuten die beiden Prozesse eine nachhaltige Stigmatisierung als exotisches „Wilddiebsnest“. Die großen sozialen Probleme seiner Bewohner werden weder vom Gericht noch von Sensationspresse zur Kenntnis genommen.

 

Detlef Creydt, Holzminden, referierte über die Recherchen zu seinem neuen Buch: “Der Solling und seine Wilderer“

Unser kleiner Vortrag stützt sich auf zeitgenössische Zeitungen, Archivalien der Staatsarchive Hannover und Wolfenbüttel, wissenschaftliche und populäre Untersuchungen zur Sollinggeschichte, die Sievershäuser Ortschronik von Jaster und nicht zuletzt auf die Arbeit von Ortsheimatpfleger Willi Heise.

Sievershausen ist lange Zeit von unterschiedlichsten Autoren als „das Wildiebsdorf, oder –nest“ des Sollings charakterisiert worden.

Das Göttinger Tageblatt zum Beispiel denunziert den Ort 1927 in einem sehr einseitigen Bericht über die Wilddiebsprozesse als „das Wildererdorf“des Sollings schlechthin. Martha Scale, spricht in ihrer Alfelder Stadtchronik ebenfalls vom weithin bekannten Wilderernest Sievershausen.

Das Image vom geheimnisumwitterten Wildererdorf ist Sievershausen auch nach dem Zweien Weltkrieg kaum losgeworden.

Wenn man unter einem NEST ein kleines Dorf oder einen Weiler versteht, dann ist Sievershausen nie ein Wilddiebsnest gewesen. Im Gegenteil: Der Ort war viel zu groß für seine eher schlechten Erwerbsmöglichkeiten. Mit durchschnittlich   1300 Einwohnern         im 19. Jahrhundert ist Sievershausen eines der großen Dörfer des Sollings gewesen. Und eins der ärmsten Dörfer des Königreichs Hannover.

Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Die starke Zunahme der Bevölkerung war eine wichtige Ursache für den Niedergang Sievershausens.

Wohnen um 1806 1286 Menschen im Dorf, dann sind es 1821 bereits 1378. 1845 fristen 1644 Frauen, Männer und Kinder eine eher bescheidene Existenz hier am Ort.

Der Solling gehörte im frühen 19. Jahrhundert zu den dichtbesiedelten Gebieten des Königreichs. Im 18. Jahrhundert kamen gleich fünf neue Siedlungen (Silberborn, Amelith, Polier, Haje/Delliehausen und Abbecke) hinzu.

Das Bestreben der staatlichen Bevölkerungspolitik des 18. Jahrhunderts war eine Zunahme der Bevölkerung in den Waldregionen durch Rodung. Nur so ist z.B. die –sozial und wirtschaftlich völlig unsinnige- Gründung der Siedlung Abbecke 1780 zu verstehen.

Zum Bevölkerungszuwachs trugen –überall in Europa- auch eine gestiegene Lebenserwartung und eine Steigerung der agrarischen Produktivität bei.

Ein zweiter Grund für die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse in Sievershausen ist im Bedeutungsverlust des hier Jahrhunderte lang hergestellten Leinens zu sehen.

Flachsherstellung und –verarbeitung hatten sich in der Zeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert im Solling so stark entwickelt, dass auch die Ausfuhr von Leinen eine große handelspolitische Bedeutung hatte.

Im 19. Jahrhundert wurde das edle Linnen mehr und mehr von der amerikanischen Baumwolle verdrängt. Die Leinenkrise nahm vielen Sollingern und Sievershäusern den wichtigsten Broterwerb.

Von dieser negativen Entwicklung im Haupternährungszweig der Sievershäuser war vor allem die dörfliche Unterschicht betroffen. Die Tagelöhner und Häuslinge, deren Zahl sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts überall im Solling spürbar vergrößert hatte, lebten von der Garnspinnerei, der Leineweberei und allen anfallenden Tagesjobs.

Acker- oder Gartenland mussten sie pachten.

Sie wohnten in sehr beengten Verhältnissen. 1837 leben 1300 Einwohner in 140 Häusern. Es kommen also etwa 9 Menschen auf ein Haus. Oft wohnt eine Familie in einer Kammer. Zählten zu einer Häuslingsfamilie durchschnittlich ca. fünf Mitglieder, so war meist kein Platz für eine ausreichende Zahl von Betten vorhanden.

Viele dieser Familien lebten von der Hand in den Mund. Das schwedische Sprichwort „Der Wald ist das Hemd der armen Leute“ galt in besonderem Maße für die Sievershäuser. Der Wald gab ihnen Beeren und Pilze, Brennholz und Bauholz. Auch Laub, um das Vieh zu streuen. Und mit Bucheckernöl backten die kleinen Leute.

Fleisch war Herrenessen und kam äußerst selten auf den Tisch. Ohne die Früchte des Waldes wären viele Sollinger im 19. Jahrhundert verhungert.

Mangelernährung, unzureichende Hygiene und eine unzulängliche medizinische Versorgung machte die Sievershäuser besonders anfällig für Krankheiten. Besonders verheerend wirkte sich die große Choleraepidemie im Jahre 1850 aus. Damals starben 147 Menschen in Sievershausen, allein am 26. August zählte man nicht weniger als 37 Tote.

Noch 1852 war die Not am Ort so groß, dass das Amt Erichsburg einschreiten musste. Sievershausens Pfarrer bat sogar in einer Hildesheimer Zeitung sogar um milde Gaben. Für 47 Kinder und 25 Erwachsene wurde zeitweilig eine Volksküche eingerichtet. „Die sonstigen Erwachsenen sind zum Teil kränklich, teils heruntergekommene Personen, schreibt das Amt an die Landdrostei inHildesheim. Die Zahl der hilfsbedürftigen Personen ist sehr groß.

1852 leben 1574 Seelen in Sievershausen.196 hilfsbedürftige Häuslings-Familien wohnen am Ort.Rechnet man fünf Personen pro Familie, sind das ca. 1000 Menschen.

Am 14. Februar 1882 melden die Sollinger Nachrichten erneut aus Sievershausen, dass dort ein „partieller Notstand“ ausgebrochen sei, dessen Linderung durch Beihilfe aus dem Amtsbezirk dringend geboten sei. Wiederum wurden Haussammlungen für die Sievershäuser in den Nachbarorten angeregt.

Natürlich betrieben die Sollinger auch Landwirtschaft. Es gab jedoch zu wenig Land und die Böden waren meist nicht besonders ertragreich.

1850 gibt das Amt Erichsburg in einem Schreiben an die Domänenkammer ein vernichtendes Urteil über die agrarischen Möglichkeiten in Sievershausen:

Ich zitiere:

Der Zustand in Sievershausen ist aus vielen Ursachen ein höchst betrübender. Der Ackerbau liefert geringen Ertrag. Der Boden der hochliegenden, den Ostwinden ausgesetzten Feldmark ist kalt, und es mangelt an Dünger. Ackerbau, Gärten und Wiesen sind im Verhältnis zu der Bevölkerung zu gering und außerdem ist der Wildschaden beträchtlich.“

Zitatende

Die Stimmung in der Bevölkerung wurde außerdem durch mehrere Ernährungskrisen gedrückt. Bereits im regenreichen Sommer 1816 hatte man im Solling kaum Getreide geerntet. In den Jahren 1828 bis 1830 fielen die Ernten wieder schlecht aus und die Getreidepreise kletterten auf Spitzenwerte. Und von 1845 bis 1847 litten die Menschen unter der Kartoffelpest. Die „Tartüffeln“ , so nannte man die Erdäpfel damals, waren schon Grundnahrungsmittel im Solling. Da sie auf den Feldern verfaulten, herrschte große Not in unseren Dörfern. Damals starben auch im Solling Menschen, weil sie angefaulte Kartoffeln verzehrten.

Eine wichtige Nebenenbeschäftigung war für die Sievershäuser Männer lange Zeit die Holztrift auf der Ilme. Bau- und Brennholz wurde von 1710 bis 1830 auf Ilme und Leine nach Hannover geflößt. Um das im Solling zu bewerkstelligen, hatte man zwei Schwemmteiche angelegt, am Lakenhaus und den Neuen Teich weiter südlich. Viele Sievershäuser Männer konnten zumindest ein paar Tage als Flößer gutes Geld verdienen, wenn sie mit Floßhaken bewaffnet den Stämmen den richtigen Weg wiesen. Auf Betreiben des Forstmeister von Seebach wurde die Holzflöße 1830 eingestellt. (Seebach versuchte den verheerenden Raubbau am Wald einzudämmen.)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekam die Waldarbeit eine immer größere Bedeutung für die Sollinger. Auch die Männer aus Sievershausen verdingten sich beim Fiskus als Holzfäller – um im Sommer wieder arbeitslos zu sein.

Eine weitere Erwerbsquelle war der Handel mit Heilkräutern. „Medicinhändler“ aus Sievershausen waren in ganz Deutschland unterwegs und verkauften Tees, unterschiedlichste Kräuter und Hirschtalg . In einer Ortsbeschreibung aus dem Jahre 1837 von Vollmann wird zudem der Handel mit Ölen hervorgehoben.

Ob damit der Handel mit Johannisöl gemeint ist, das früher im Solling als Allzweckwaffe gegen Krankheiten aller Art eingesetzt wurde, wissen wir nicht. Ob die Sieverhäuser Medizinhändler auch mit Arnikatinktur, einem ebenfalls im Solling verbreiteten Mittel der Volksmedizin handelten, können wir nur vermuten.

Bei den widrigen Erwerbsmöglichkeiten im Solling nutzten die Frauen, Männer und Kinder aus Sievershausen alle Möglichkeiten, um das tägliche Brot zu sichern. Sie banden Besen, die sie in den Nachbarorten verkauften, sammelten im Sommer Himbeeren, Erdbeeren und Heidelbeeren und bekamen auch dafür ein paar Taler.

Wahrscheinlich ist, dass um die Mitte des 19. Jahrhunderts junge Männer aus Sievershausen –wie viele ihrer Altersgenossen aus anderen Sollingdörfern- auch als Wanderarbeiter unterwegs waren: beim Bau der Eisenbahnstrecken, beim Bau des Hafens von Bremerhaven, als Saisonarbeiter in den boomenden mitteldeutschen Zuckerfabriken oder als Schnitte in Holland.

Und nicht zuletzt waren die Sievershäuser für ihre Musikalität bekannt und spielten auf den Kirmesfeiern der Sollingdörfer zum Tanze auf. Im 19. Jahrhundert war das die Kapelle Schwerdtfeger. Der älteste Schwerdtfeger, der den Nebenberuf eines Musikers ausübte, war der 1763 geborene Schuhmacher Carl August Gottlieb Schwerdtfeger. Sein Sohn Carl trug bereits den Titel „Amtsmusikus“. 

Bei den insgesamt gesehen Lebens- und erbärmlichen Arbeitsverhältnissen in den Walddörfern des Sollings ist es kein Wunder, dass allenthalben –wie in anderen Mittelgebirgsregionen-

Männer zur Waffe griffen, um die karge, eintönige Ernährung mit einem Reh- oder Wildschweinbraten zu ergänzen. „Das heimliche Treiben der Wilddiebe war ein offenes Geheimnis“, schreibt der Uslarer Willi Heepe. Die staatliche Obrigkeit beantwortete Wilderei mit Zwangsmaßnahmen. Förster waren im 18. und19. Jahrhundert vor allem Waldpolizisten und rühmten sich damit, wie viele Wilddiebe sie zur Strecke gebracht hatten. Walddörfer wie Schönhagen und Sievershausen wurden sogar mehrfach von Militär besetzt. So rückte im Revolutionsjahr 1848, in dem überall in Deutschland das gemeine Volk zur „Freijagd“ blies, ein Wilddiebskommando der Goslarer Jäger in Sievershausen ein. Die Fensterscheiben des Hauses, in dem die Corporale dieser Truppe untergebracht war, wurden mehrfach von den Dorfbewohnern eingeworfen. Tag für Tag führten die Soldaten Hausdurchsuchungen durch und durchkämmten ohne Ergebnis den Wald. Die bürgerkriegsähnlichen Verhältnisse verbitterten die Bevölkerung. „Die Stimmung ist diesem Commando nicht günstig“ notierte ein Amtsschreiber. „Teils weil selbige zum Schutze des Waldes dahier gelangt sind, teils weil selbige sich auch damit befasst haben, kleine Holzfrevel armer Leute, unter Wegnahme der Gerätschaften (...) zur Anzeige zu bringen.“

Im Jahre 1848, das sei hier noch angemerkt, nähten die freiheitsliebenden Sievershäuser eine schwarz-rot-goldene Revolutions-Trikolore und führten eine demokratische Ortsverfassung ein, die zumindest allen männlichen Bewohnern das gleiche Stimmrecht gab. Dieses Ortsstatut, das im Königreich Hannover einzigartig war, musste ein paar Jahre später auf Druck der Obrigkeit wieder abgeschafft werden.

 Militärische Dorfbesetzungen hat es noch ein paar Mal gegeben.

Vor allem als Schöätchen Bartels, der berühmteste Sievershäuser Wilderer, von dem später noch die Rede sein wird, aus dem Celler Zuchthaus ausrückte und im März 1869 nach Sievershausen zurückkehrte. Da die Polizei Bartels nicht fassen konnte, rückte eines Tages die Einbecker Garnison mit dem Kreishaupmann an der Spitze nach Sievershausen aus und umstellte den Ort. „Tot oder lebendig! hieß die Parole“, berichtet Heinrich Sohnrey, „Bartels flüchtete von einem Haus ins andere, und da ihm schon die Häscher dicht auf den Fersen waren, flüchtete er in eine Stube, in der eine Näherin saß, die ein Krinolinenkleid anhatte. Und im äußersten Augenblick verbirgt er sich unter der Krinoline.“

Nach dem Einbecker Militär besetzten wieder einmal die Goslarer Jäger Sievershausen – und fanden den flüchtigen, beliebten Bartels ebenfalls nicht. Einmal soll er sich sogar in einem Schornstein verborgen gehalten haben. Bartels entkam wahrscheinlich unter einem Fuder Flachs und soll nach Amerika ausgewandert sein. Die Aufregung der Behörden war allerdings so groß, dass allein aufgrund eines Gerüchtes über die Rückkehr des Schöätchen Bartels am 6. Juli 1869 erneut die Goslarer Jäger in Sievershausen eintrafen.

 Die miserablen Existenzmöglichkeiten und die massive staatliche Repression führten dazu, dass zahlreiche Sievershäuser ihr Dorf verließen.

Von den 1644 Einwohnern des Jahres 1845 lebten fünfzehn Jahre später noch 1500 in Sievershausen. 186o war die Bevölkerungszahl auf 1119 gesunken. Um 1900 pendeln sich die Einwohnerzahlen bei 1000 Frauen, Männern und Kindern ein.

Im 19. Jahrhunderts erhofften sich Tausende Sollinger Freiheit und Wohlstand in Amerika. Auswanderer aus der Dasseler Gegend begründen ihren Antrag auf Auswanderung folgendermaßen:

„Wegen Überfüllung der Menschen-Zahl in hiesiger Gegend, und weil wir für unsere Familien den nothdürftigen Unterhalt nicht gut mehr erwerben können, haben wir den festen Entschluss gefasst, gleich nach Ostern nach America zu gehen. Deshalb haben wir unsere sämtlichen Habseligkeiten zu Gelde gemacht.“

Der Häusling Ferdinand Meier aus Sievershausen stellt am 19. April 1836 ein Auswanderungsgesuch. Es ist insofern für uns interessant, als er dabei auch auf die Wilderei Bezug nimmt:

Meier schreibt (Ich zitiere):

Vor vier Jahren ist mein Vetter Karl Heinemann aus Sievershausen nach Nordamerika ausgewandert, weil er sich in Sievershausen nicht mehr ernähren konnte. Denn er hatte von Jugend auf mit seiem Vater Wilddieberei getrieben und dabei seine Gesundheit verloren, so dass er zur Arbeit untauglich war. (...) Da ich überzeugt bin, dass die Wilddieberei diejenigen, die sie trifft, wirklich ins Verderben stürz und dass ich mich ohne Wilddieberei in Sievershausen nicht mehr ernähren kann, weil ich Nichts gelernt habe: so habe ich mich entschlossen, den Wunsch meines Vetters Karl Heinemann in Nordamerika (...) in Erfüllung zu bringen.“

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gab es dann allerdings eine Alternative zur Auswanderung: nämlich der Umzug in eine Industriestadt. Viele Sollinger suchten ihr Glück im Ruhrgebiet. Andere, vor allem Tagelöhner und Häuslinge aus Sievershausen, wurden Industriearbeiter in den boomenden Fabriken von Linden bei Hannover, in Braunschweig oder Hildesheim. Zeitweilig gab es sogar einen Sollinger Heimatverein in der Landeshauptstadt.

Vor Ort verbesserten sich die Erwerbsmöglichkeiten erst mit dem Ausbau der Papiermühle Hahnemühle in Relliehausen zu einer Papierfabrik in den Jahren 1890 bis 1916. Jetzt ergaben sich ganz neue Arbeitsmöglichkeiten, auch für die Sievershäuser Unterschicht.

Auch Frauen fanden hier einen Arbeitsplatz, die ansonsten nur als Dienstmädchen oder Mägde auf den Gütern Geld verdienen konnten.

Von den ca. 140 Beschäftigten der Hahnemühle um 1914 kam schätzungsweise jeweils knapp die Hälfte aus Sievershausen und aus Hilwartshausen. Die Fabrikarbeit war sicherlich ein Fortschritt –vergleichen mit dem Elend der Häuslinge. Aber auch hier wurde den Arbeitnehmern nichts geschenkt. Unfälle an den Papiermaschinen kamen in den ersten Jahrzehnten häufig vor. Wer sich dem Prinzipal nicht unterordnete, vielleicht sogar Gewerkschaftsmitglied war, flog raus und kam auf eine schwarze Liste. Das bedeutete, dass er hier in der Gegend keine Arbeit finden konnte.

„Wir waren hier besonders erniedrigt, denn je mehr, dass der Mensch erniedrigt wird, je radikaler wird er doch auf der Suche nach Freiheit oder Gerechtigkeit.“ Diese Aussage eines alten Arbeiters aus Hilwartshausen gilt auch für Sievershausen. Die Bewohner

des Nachbardorfes suchten Freiheit und Glück vor allem in einem gesellschaftlichen Engagement. Auch in Sievershausen gab es gegen Ende des 19. Jahrhunderts erste Anhänger der Arbeiterbewegung. Die meisten Dorfbewohner suchten jedoch Freiheit eher im Walde. Und orientierten sich weiterhin an dem im Solling sehr verbreiteten Lied: „ Das Jagen, das ist mein Leben“. In der zweiten Strophe heißt es da:

„Das Hirschlein muß fallen

mit Pulver und Blei,

Im Wald sind wir frei!“

Alles in allem gesehen ist die Geschichte Sievershausens im 19. Jahrhundert eine Bilanz des Schreckens. In dem hannoverschen Armenhaus Solling hausen die Einwohner dieses Dorfes in der finstersten Kammer. Ihr Alltag ist ein Überlebenskampf. Wenn etliche Männer zur Waffe greifen und wildern, dann geschieht dies nicht aus Jux und Dollerei, sondern aus Not.

 

Dr. Wolfgang Schäfer und Daniel Althaus, Uslar, referierten zum Thema. „Der Mythos vom Wildererdorf Sievershausen.“ Vorgestellt wurden die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen im 19. Jahrhundert